Ambitionierte Reisefotografie

By Dietmar Temps 

Bangladesh_beautiful girl

Über das Thema Reisefotografie wird gerne kontrovers diskutiert. Einerseits wächst die Anhängerschaft der Reise- und Strassenfotografie, andererseits sind Fotos von Menschen aus armen Entwicklungsländern etwas in Veruf geraten. Manchmal fällt in diesem Zusammenhang sogar der Begriff “Voyeurismus”, oder es wird die Frage gestellt, ob sich Familien westlicher Industrieländer gerne in ihren eigenen Vorgärten von Asiaten oder Afrikanern fotografieren lassen.

 

Bangladesh_portrait of old man

Üblicherweise ist Reisefotografie eine Mischung aus Landschaftsfotografie, kultureller Fotografie, Strassenfotografie und Reiseportraits. Die Gruppe der Touristen die kulturelle Veranstaltungen oder berühmte Bauwerke überwiegend über das Smartphone betrachten und dabei unzählige Fotos schiessen wird man sicherlich nicht zu den anspruchsvollen Reisefotografen zählen. Reisefotografie ist eher selten professionell ausgerichtet, wobei es natürlich Grenzbereiche gibt. Die Profis in diesem Bereich sind meist sehr spezialisiert, z.B. als reine Landschaftsfotografen, Tierfotografen oder Fotojournalisten. Es spricht natürlich nichts dagegen dass Reisefotografen ihre Werke über Getty Images oder vergleichbare Online-Stock-Plattformen verkaufen, aber hauptberufliche Reisefotografen die ausschliesslich von ihren Aufnahmen leben sind eher die Ausnahme.

 

Strassenfotografie und Reiseportraits

Bangladesh_Street kid in Khulna

Bangladesh_Street kids in Barisal

Die sensibelsten Bereiche der Reisefotografie sind die Strassenfotografie und Reiseportraits, vor allem wenn Kinder fotografiert werden. Aber die eingangs erwähnte Frage, wer sich gerne im eigenen Vorgarten fotografieren lässt, ist eigentlich falsch gestellt. Die korrekte Frage lautet eher warum Reisefotografen lieber in Entwicklungsländer Menschen fotografieren als in Städten oder Dörfern westlicher Industrieländer. Dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe. In vielen dicht besiedelten Ländern wie Indien, Bangladesch oder in Ländern Süd-Ost-Asiens wird Privatsphäre, wenn überhaupt vorhanden, völlig anders wahrgenommen als in hochentwickelten Industrienationen. Zudem ist es wesentlich einfacher in Entwicklungsländern Menschen zu fotografieren, da das “Recht am eigenen Bild” dort nur wenig Bedeutung hat. In diesen Ländern ist es völlig normal wenn Einheimische “Selfies” mit Touristen ungefragt auf Facebook veröffentlichen. Es gibt natürlich auch konservative Länder, vor allem in Afrika, die mit Reiseportraits weniger offen umgehen. Das hat aber entweder religiöse Gründe (arabische Staaten) oder es wird befürchtet dass die Touristen mit den Bildern von einheimischen Kindern in Hochglanzmagazinen sehr viel Geld verdienen.

Changtang_Nomad boy

 

Mit Reisefotografie Geld verdienen

Ethiopia_portrait of a priest

Der Gedanke mit der Veröffentlichung von Reiseportraits in Hochglanzmagazinen viel Geld zu verdienen mag vielleicht der Traum vieler Reisefotografen sein, hat aber mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun. Lediglich bei kommerzieller Nutzung der Fotos wird viel Geld bezahlt, dafür benötigt man aber eine schriftliche Freigabe, auch “Model Release” genannt, der aufgenommenen Person. Um Missbrauch zu verhindern sind die Anforderungen an diese Freigaben sehr hoch, mit ein Grund warum viele Reisefotografen auf die Model Releases eher verzichten und die Bilder mit Personen nur im editorialen Kontext veröffentlichen, wobei dort aber verständlicherweise nur wenig Geld gezahlt wird. Das Problem der Freigabe gibt es zwar in der Landschaftsfotografie nicht, dennoch ist es auch in diesem Bereich sehr schwer viel Geld zu verdienen. Dafür sind bereits zu viele hervorragende Aufnahmen auf dem Markt,

Myanmar_U-Bein Bridge_Amarapura

 

Fairer Umgang bei Reiseportraits

Fishermen

Die Frage ob bei Fotos von Personen immer vorher gefragt werden muss lässt sich nicht so einfach beantworten. Anhänger der Strassenfotografie werden argumentieren dass durch das vorherige fragen nur noch gestellte Bilder möglich sind, was aber im Widerspruch zu der eigentlichen Idee der kreativen Strassenfotografie steht. Anspruchsvolle Reisefotografen sollten dennoch sehr sensibel mit dem Thema umgehen, vor allem in Verbindung mit Reiseportraits. In eher konservativen Ländern wie beispielsweise Tansania oder Senegal ist vorheriges Fragen absolute Voraussetzung, in Ländern wie Indien oder Bangladesch kann man dagegen sicherlich sehr viel flexibler damit umgehen. Die besten Reiseportrais entstehen oft wenn man einen persönlichen Kontakt mit den aufgenommenen Personen aufbaut, und dafür benötigt man Zeit und Geduld. Bei der klassischen Strassenfotografie ist es empfehlenswert den fotografierten Personen die Bilder im Nachhinein zu zeigen und damit zumindest ein Gefühl dafür zu bekommen ob die Personen mit den Aufnahmen auch einverstanden sind. Eine gute Idee sind kleine Geschenke, Kinder freuen sich immer über Bananen oder Mangos, ältere Menschen nehmen eine Einladung zum Tee dankend an. Beabsichtigt der Reisefotograf Portraits kommerziell zu vermarkten sollte die schriftliche Freigabe immer eingeholt werden und der fotografierten Person muss auch ein fairer Preis für die Aufnahme bezahlt werden.

India_Kids having fun

 

Sich “treiben lassen” …

Madagascar_funny boys

Tanzania_street soccer

Viele Reisefotografen werden es vielleicht nicht zugeben, aber oft entstehen die besten Aufnahmen mehr oder weniger rein zufällig. Dafür benötigt man sehr viel Zeit und man muss sehr viel unterwegs sein. Genau das unterscheidet aber den anspruchsvollen Reisefotografen vom normalen Touristen: Der Reisefotograf wird lieber über viele und weite Umwege zu dem berühmten Tempel gehen und wird die Gefahr sich ständig im Gassengewirr zu verirren dankend annehmen. Natürlich kann es passieren dass man trotz langer Wege abends ohne brauchbare Aufnahmen zurückkommt. Genau das können sich aber wiederum professionelle Reisefotografen nicht leisten. Das ist ein Hauptgrund warum die meisten hauptberuflichen Reisefotografen sehr spezialisert sind und in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern die Fotoreisen akribisch vorbereiten und nur wenig dem Zufall überlassen. Natürlich können auch ambitionierte Amateur-Reisefotografen bei Bedarf lokale Guides engagieren, und eine gute Reisevorbereitung zahlt sich immer aus. In machen Gegenden, beispielsweise in den Dörfern der Naturvölker in Afrika, sind Guides sogar obligatorisch. Bei der Auswahl des Guides sollte man aber sehr vorsichtig sein, denn der Guide sollte mit den meist sehr speziellen Wünschen von Fotografen vertraut sein. Ansonsten landet man doch wieder auf kürzestem Weg beim Tempel, anschliessend im Museum und danach im Restaurant oder im Shop des besten Freundes des Guides.

Ethiopia_North_boys

 

India_boys having fun

Reisen mit Schwerpunkt Reisefotografie können eine sehr intensive und abenteuerliche Erfahrung sein. Werden Personen in Entwicklungsländern aufgenommen sind kleine Geschenke ideal. Eine gründliche Vorbereitung der Fotoreise macht Sinn, aber das “sich treiben lassen” führt oft zu angenehmen Überraschungen und manchmal zu den besten Fotos. Es ist eine gute Idee, die besten Aufnahmen über Online-Stock-Plattformen zu verkaufen, wobei Personen-Aufnahmen ohne entsprechende schriftliche Erlaubnis nicht kommerziell verwendet werden dürfen. Werden all diese Punkte beachtet ist eine kontroverse Diskussion über Strassenfotografie und Reiseportraits in armen Entwicklungsländern eigentlich nicht mehr notwendig.

Über Dietmar Temps:

Dietmar Temps ist diplomierter Medien- und Photoingenieur sowie ausgebildeter Fotograf mit über 20 Jahren Berufserfahrung in der Medienbranche. Er lebt in Köln, Deutschland. Seine ersten beruflichen Schritte in der Fotografie konnte er als Fotoassisent in ganz Europe sowie in Amerika sammeln. Im Anschluss studierte er Photo- und Medientechnik an der Technischen Hochschule Köln. Aktuell liegt sein Hauptaugenmerk auf der Realisierung von Foto- und Internetprojekten mit einem starken Fokus auf Reisefotografie, Social Networking und Video Streaming.
Auf seinem Travel-Blog schreibt er über seine Fotoreisen an die schönsten Flecken dieser Erde, die er in den zurückliegenden Jahren unternommen hat. Darunter waren viele Reisen nach Afrika, Süd Amerika und Asien.
Auf seiner Webseite finden sich zahlreiche Foto-Serien seines fotografischen Schaffens das in Bildbänden, Magazinen und Travel Blogs veröffentlicht wurde.

Dietmar

 

Kontakt:

Dietmar Temps
Photography and media design
Cologne, Germany
dietmar.temps@gmail.com
http://dietmartemps.com/